Chinesische Parabel



Ein alter Mann mit Namen Chunglang, das heißt Meister Felsen, besaß ein kleines Gut in den Bergen. Eines Tages begab es sich, daß er eins von seinem Pferden verlor. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeigen.
Der alte aber fragte: "Woher wollt ihr wissen, daß das ein Unglück ist?" Und siehe da, einige Tage darauf kam das Pferd wieder und brachte ein ganzes Rudel Wildpferde mit. Wiederum erschienen die Nachbarn und wollten ihm zu diesem Glücksfall ihre Glückwünsche bringen.
Der Alte vom berge aber versetzte: "Woher wollt ihr wissen, daß es ein Glücksfall ist?"
Seit nun so viele Pferde zur Verfügung standen, begann der Sohn des Alten eine Neigung zum Reiten zu fassen, und eines Tages brach er das Bein. Da kamen sie wieder, die Nachbarn, um ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. Und abermals sprach der Alte zu ihnen: "Woher wollt ihr wissen, daß dies ein Unglücksfall ist?"
Im Jahr darauf erschien die Kommission der Langen Latten in den Bergen, um kräftige Männer für den Stiefelfdienst des Kaisers und als Sänftenträgern zu holen. Den Sohn des Alten, der noch immer seinen Beinschaden hatte, nahmen sie nicht.
Chunglang mußte lächeln.

Nacherzählt von Hermann Hesse

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Der perfekte Griff



Es war einmal ein Junge, der bei einem Unfall seinen linken Arm verloren hatte. Trotz dieses Handicaps wollte er unbedingt einen Kampfsport erlernen, Auch wenn ihn deshalb viele heimlich belächelten, meldete er sich bei einem Judo-Meister.

Er begann mit dem Training und der Meister brachte ihm einen Griff bei. Nach zwei Monaten hat er diesen Griff perfektioniert. Nun wollte er mehr: "Meister, wird es nicht langsam Zeit, dass ich auch andere Griffe lerne?"
"Nein!" antwortete der Meister.

Und so trainierte er fleißig weiter und übte ständig den einen Griff. Schließlich nahm er an seinem ersten Turnier teil. Niemand gab dem Jungen mit einem Arm eine Chance. Doch überraschend für alle gewann er Kampf für Kampf bis zum großem Finale.
Im Finale stand er einem Gegner gegenüber, der wesentlich größer und stärker war. Dem Jungen kamen Zweifel und er teilte diese seinem Meister mit.

"Stell dich dem Gegner. Vertraue deinem Griff!" Und so kam es, dass er zum Staunen aller Teilnehmer auch gegen den scheinbar übermächtigen Gegner gewann.

Nach dem Kampf fragte er seinen Meister: "Wie kam es, dass ich dieses Turnier gewonnen habe? Ich kann es immer noch nicht fassen!"
"Dafür gibt es zwei Gründe: Ich habe dir einen der schwierigsten und effektivsten Griffe im Judo beigebracht, den du perfekt beherrscht. Und der zweite Grund besteht darin, dass die einzige Verteidigung für diesen Griff darin besteht, dass der Gegner deinen linken Arm zu fassen bekommt."

Verfasser unbekannt

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Die stolzen Mütter



Es waren einmal drei Frauen, die am Brunnen standen, um Wasser zu schöpfen. Ein alter Mann saß ebenfalls dort und hörte den Frauen zu, wie sie über ihre Söhne sprachen:
"Mein Sohn ist der geschickteste und wendigste Junge im ganzen Dorf!" ließ die erste Frau die anderen wissen.
"Und meiner kann singen wie eine Nachtigall, dass jedem warm ums herz wird."
Die dritte Frau schwieg. "Warum sagst du nichts?", wollten die anderen zwei wissen. "Mein Sohn ist ein ganz gewöhnlicher Junge, ohne außergewöhnliche Talente. Aber ich hoffe, dass er zu einem guten Menschen heran wächst."

Nachdem die drei Frauen ihre Eimer gefüllt hatten, machten sie sich auf dem Rüchweg. Der alte Mann spazierte hinter ihnen her. Aufgrund der schweren Last legten die Frauen schon nach kurzer Zeit eine pause ein.

Da kamen ihnen ihre Söhne entgegen. Der erste stellte sich auf die Hände und schlug Rad um Rad.
"Was für ein geschickter Junge!" riefen die zwei anderen Frauen. Der zweite Junge mit der Stimme einer Nachtigall sang ein wunderschönes Lied, und die Frauen lauschten ihm mit Tränen in den Augen.
Der dritte Junge ergriff wortlos die beiden Eimer seiner Mutter und trug sie heim.

Die Frauen sahen den alten Mann und fragten ihn:"Was sagst du zu unseren Söhnen?"
"Eure Söhne? Ich habe nur einen einzigen Sohn gesehen!"

Lew Nikolajewitsch Tolstoi

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Das perfekte Herz



Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.

Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: "Nun, dein Herz ist nicht annähernd so schön, wie meines." Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken...Genau gesagt, waren an einigen Stellen tiefe Furchen, in denen ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an und dachten: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner?

Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: "Du musst scherzen", sagte er, "dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen."

"Ja", sagte der alte Mann, "deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau passen, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?"

Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.
Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.

Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen fort, Seite an Seite.

Verfasser unbekannt

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Gutes im Herzen behalten



Zwei Freunde wanderten durch die Wüste. Während der Wanderung kam es zu einem Streit und der eine schlug dem anderen im Affekt ins Gesicht. Der Geschlagene war gekränkt. Ohne ein Wort zu sagen, kniete er nieder und schrieb folgende Worte in den Sand "Heute hat mich mein bester Freund ins Gesicht geschlagen."
Sie setzten ihre Wanderung fort und kamen bald darauf zu einer Oase. Dort beschlossen sie beide, ein Bad zu nehmen. Der Freund, der geschlagen worden war, blieb auf einmal im Schlamm stecken und drohte zu ertrinken. Aber sein Freund rettete ihn buchstäblich in letzter Minute. Nachdem sich der Freund, der fast ertrunken war, wieder erholt hatte, nahm er einen Stein und ritzte folgende Worte hinein " Heute hat mein bester Freund mir das Leben gerettet."
Der Freund, der den anderen geschlagen und auch gerettet hatte, fragte erstaunt "Als ich dich gekränkt hatte, hast du deinen Satz nur in den Sand geschrieben, aber nun ritzt du die Worte in einen Stein. Warum?"
Der andere Freund antwortete "Wenn uns jemand gekränkt oder beleidigt hat, sollten wir es in den Sand Schreiben, damit der Wind des Verzeihens es wieder auslöschen kann. Aber wennn jemand etwas tut, was für uns gut ist, dann können wir das in einen Stein gravieren, damit es kein Wind jemals löschen kann."

Verfasser unbekannt

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Die Fabeln von den Fröschen



Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie als Ziel fest, den höchsten Punkt eines großen Turms zu gelangen.
Am Tag des Wettlaufs versammelten sich viele andere Frösche, um zuzusehen. Dann endlich, der Wettlauf begann.
Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Anstatt die Läufer anzufeuern, riefen sei also "Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!" oder "Das ist einfach unmöglich!" oder "Das schafft Ihr nie!"
Und wirklich schien es, als sollte das Publikum Recht behalten, denn nach und nach gaben immer mehr Frösche auf.
Das Publikum schrie weiter "Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!"
Und wirklich gaben alle Frösche auf, alle, bis auf einen einzigen, der unverdrossen an dem steilen Turm hinaufkletterte, und als einziger das Ziel erreichte.
Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert und alle wollten von ihm wissen, wie das möglich war.
Einer der anderen Teilnehmerfrösche näherte sich ihm, um zu fragen, wie er es geschafft hatte, den Wettlauf zu gewinnen.
Und da merkten sie erst, dass dieser Frosch taub war!

Verfasser unbekannt

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Die Geschichte vom Indianer und der Grille



Ein Indianer, der in einem Reservat weit von der nächsten Stadt entfernt wohnte, besuchte das erste Mal seinen weißen Bruder in der großen Metropole. Er war sehr verwirrt vom vielen Lärm, von der Hektik und vom Gestank in den Straßenschluchten. Als sie nun durch die Einkaufsstrasse mit den großen Schaufenstern spazierten, blieb der Indianer plötzlich stehen und horchte auf.
"Was hast du?" fragte ihn sein Freund
"Ich höre irgendwo eine Grille zirpen" antwortete der Indianer.
"Das ist unmöglich" lachte der Weise "erstens gibt es hier in der Stadt keine Grillen und zweitens würde ihr Geräusch in diesem Lärm untergehen"
Der Indianer ließ sich jedoch nicht beirren und folgte dem Zirpen. Sie kamen zu einem älteren Haus dessen Wand ganz mit Efeu überwachsen war. Der Indianer teilte die Blätter und tatsächlich, da saß eine große Grille.
"Ihr Indianer habt eben ein viel besseres Gehör" sagte der Weise im weiterghen.
"Unsinn" erwiderte sein Freund vom Land. "Ich werde dir das Gegenteil beweisen" Er nahm eine kleine Münze aus der Tasche und warf sie auf den Boden. Ein leises Pling ließ sich vernehmen. Selbst einige Passanten, die mehr als zehn Meter entfernt standen, drehten sich augenblicklich um und schauten in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten. "Siehst du mein Freun, es liegt nicht am Gehör. Was wir wahrnehmen können oder nicht liegt ausschließlich and der Richtung unserer Aufmerksamkeit."

Nacherzählt von Thomas Diener

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Katz, Maus und Mensch



Eine Katze und eine Maus sitzen zusammen unter dem Vordach einer Wohnung. Sie sitzen nur da und sagen nichts. Kein Wunder, bei dem Regen kann man nicht anders als einfach dasitzen und Löcher in die Luft starren. Die Katze mustert im Augenwinkel die Maus und sagt schliesslich "Tja" Die Maus, übereinstimmend nickend "Jaja"

"Eigentlich sollte ich dich ja fressen" sagt die Katze
"Wieso?" fragt die Maus "hast du Hunger?" Das Kopfschütteln der Katze verwirrt die Maus "Wieso solltest du mich dann fressen?"
"Nun" sagt die Katze, offensichtlich starkem Gedankendruck ausgesetzt "na, das ist nun einfach so. Weißt du, Katz und Maus... und so. Katzen jagen Mäuse. Hunde jagen Katzen. Wir alle haben Jäger"
Beide sitzen immer noch da und schauen versonnen in den Regen. Nach einer Pause fragt die Maus "Und Menschen? Was haben Menschen für Jäger?"
"Menschen?" Die Katze starrt in die kleinen Augen, die erwartungsvoll zurückstarren "Menschen haben keine Jäger. Sie jagen höchstens"
"Ich dachte immer, Menschen hätten anderes zu tun, als zu jagen"
"Ja das stimmt" sagt die Katze "sie hätten andere Probleme als einander das Leben zu nehmen"
Die Maus erschrickt "Was sie töten einander?"
"Ja" sagt die Katze, "sie schlagen, streiten, hassen und töten einander. Doch nicht nur etwa wie wir zum Beispiel unter Katzen, wenn es ums Überleben oder um Essen oder um Territorien geht. Sie hassen einander aus Stolz, töten einander aus Macht, schlagen einander aus Langeweile"

Der Maus hat es die Sprache verschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen sitzt sie da und begreift die Welt nicht mehr. Es regnet immer noch. Die Maus fragt nach einer Weile "Meinst du, sie merken irgendwann mal, dass es für sie noch anderes gäbe, als einander die Köpfe einzuschlagen?"
"Wohl kaum" sagt die Katze "aber man weiss ja nie"
"Willst du mich jetzt immer noch fressen?" fragt die Maus
"Nein" sagt die katze, "lass uns warten bis die Sonne wieder scheint. Dann zähl ich bis drei, wenn du dann noch da bist, fress ich dich"

Mike Baader

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Sonnenfisch



Daniel der Delphin trifft auf seinem Traumweg nach der perfekten Welle einen kleinen Fisch, der seinen Kopf aus dem Wasser heraus der Sonne entgegen streckt.

"Wer bist du?" fragte Daniel.
"Man nennt mich den Sonnenfisch" erwiderte der Fisch
Was für ein lustiger Name dachte Daniel. "Was tust du, Sonnenfisch?"
"Nachts schlafe ich, und am Tage folge ich der Sonne. Seit ich lebe, versuche ich Tag für Tag, sie zu berühren, bisher leider ohne Erfolg. Aber ich weiß, dass ich es eines Tages schaffen werde."
"Ist das dein Traum" fragte Daniel
"Ja" sagte der Sonnenfisch "ich habe immer davon geträumt zu erfahren, wie warm die Sonne wohl ist, wenn sie die ganze Welt am Leben erhält."

"Ich glaube nicht, dass es dir jemals gelingen wird, die Sonne zu berühren" sagte Daniel "du bist dazu geboren im Meer zu leben, und wenn du es verlässt, wirsd du bestimmt sterben"
"Jeden Morgen geht die Sonne am Horizont auf, ganz gleich, was ich tue" sagte der Sonnenfisch "Ich spüre ihre Wärme, und diese Wärme erinnert mich an meinen Traum. Was würdest du in meiner Lage tun? Würdest du deinen Traum aufgeben, oder würdest du weiter versuchen die Sonne zu berühren?"

Daniel konnte dieses wunderbare Geschöpf einfach nicht anlügen "Ich würde versuchen die Sonne zu berühren" sagte er

"Dann werde ich sterben, während ich versuche, meinen Traum zu verwirklichen" erwiderte der Sonnenfisch "das ist immer noch besser als zu sterben, ohne es überhaupt versucht zu haben"

Sergio Bambaren Roggero

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Es war einmal ein Vogel.



Er besaß ein Paar vollkommener Flügel und glänzende, bunte, wunderbare Federn und war dazu geschaffen, frei am Himmel zu fliegen, denen zur Freude, die ihn sahen
Eines Tages sah eine Frau diesen Vogel und verliebte sich in ihn. Sie schaute mit vor Staunen offenem Mund seinem Flug zu, ihr Herz schlug schneller, ihre Augen leuchteten vor Aufregung. Er bat sie, ihn zu begleiten, und beide schwebten in vollkommener Harmonie am Himmel. Und sie bewunderte, verehrte, feierte den Vogel.
Aber dann dachte sie: Vielleicht möchte er ferne Gebirge kennenlernen! Und die Frau bekam Angst. Fürchtete, daß sie so etwas mit einem anderen Vogel nie wieder erleben könnte. Und sie wurde neidisch auf den Vogel, der aus eigener Kraft fliegen konnte.
Und sie fühlte sich allein.
Und dachte:"Ich werde dem Vogel eine Falle stellen. Wenn er zurückkommt, wird er nie wieder wegfliegen können."
Der Vogel der auch verliebt war, kam am nächsten Tag zurück, ging in die Falle und wurde in einen Käfig gesteckt.
Die Frau schaute täglich nach dem Vogel. Er war ihre ganze Leidenschaft, und sie zeigte ihn ihren Freundinnen, die meinten:"Du hast vielleicht ein Glück." Dennoch vollzog sich eine merkwürdige Veränderung: Seit sie den Vogel besaß und ihn nicht mehr zu erobern brauchte, begann sie das Interesse an ihm zu verlieren. Der Vogel, der nicht mehr fliegen konnte, was den Sinn seines Lebens ausmachte, wurde schwach, glanzlos, häßlich. Die Frau beobachtete ihn nicht mehr, fütterte ihn nur noch und reinigte seinen Käfig.
Eines Tages starb der Vogel. Die Frau war tieftraurig und konnte ihn nicht vergessen. Aber sie erinnerte sich dabei nicht an den Käfig, nur an den Tag, an dem sie den Vogel zum ersten Mal gesehen hatte, wie er fröhlich zwischen den Wolken dahinflog.
Hätte sie genauer hingeschaut, so hätte sie bemerkt, daß das, was sie am Vogel so sehr begeisterte, seine Freiheit war, sein kräftiger Flügelschlag, nicht sein Körper.
Ohne den Vogel verlor auch für die Frau das seinen Sinn, und der Tod klopfte an ihre Tür. -"Wozu bist du gekommen?" fragte sie den Tod. -"Damit du wieder mit dem Vogel zusammen am Himmel fliegen kannst", gab der Tod zur Antwort. "Wenn du ihn hättest fliegen und immer wiederkommen lassen, hättest du ihn geliebt und noch mehr bewundert; aber nun brauchst du mich, um ihn wiederzusehen."

Paulo Coelho

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